500 Kilometer zu Fuß durch die Türkei


Verfasst am Februar 22nd, von Frieder in Frieders Blog. Keine Kommentare

Nachdem auch heute mein Knie gehalten hat, habe ich absolut alles aus meinem Rucksack geworfen (inklusive aller Hygieneartikel, ich werde also stinken, wenn ich heimkomme) jetzt nochmal in drei Tagen von Null auf 1500 Höhenmeter und wieder auf null zurück (was schlimmer ist) – ein lebensgefährliches Experiment – und entweder ich sterbe morgen, oder übermorgen, oder überübermorgen, aber wenn ich die drei bis vier Tage überlebe, dann gibt es wenig Hoffnung, dass ich nicht nach München zurückkehre – und das wäre nach einer durchgemachten Nacht am Flughafen so etwa um 10.00 Uhr früh am Sonntag in der Goethestraße, lieben Gruß an meine Mitbewohnerin, vielleicht können wir dann feiern und abends was Schönes kochen (also kauf bitte mal ein!).

Aber es wird eine harte Sache, diese letzten 80 Kilometer über die Berge. Dabei kam gleich am Anfang meine Lieblingsstelle in dem “Wanderführer” vor, nämlich: “Gehen sie nach links steil hoch zur sechsspurigen, vielbefahrenen Küstenautobahn, die es zu überqueren gilt. Klettern Sie daher irgendwie über die Mittelleitplanke (!?!) und gehen Sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite für etwa 150 m nach rechts!” (Zitat Ende, übrigens zum Nachlesen: In meiner Ausgabe des Outdoor-Wanderführers auf Seite 167 Mitte). Abgesehen davon, dass ich bereits ausreichend über die beiden Wanderführer (den englischen und den deutschen, es gibt zwei) hergezogen bin – meine zweite Lieblingsstelle ist übrigens “Sie erreichen ein Haus mit einem wackeligen Balkon” – dieses Haus habe ich leider nie gefunden – also abgesehen von meinem respektlosen und unehrenhaften Spott über die Wanderführer war es tatsächlich gar nicht so einfach, all die Schwertransportsattelschlepper und Lichtgeschwindigkeit fahrenden Reisebusse „irgendwie“ aufzuhalten, um meinen Rucksack und dann mich über die Mittelleitplanke zu befördern, um auf der anderen Seite das gleiche Spiel wieder zu beginnen. Ich lebe noch, was mancher Autofahrer, der mich wohl sowieso für einen Selbstmörder hielt, sicherlich seinen Kindern anders erzählen wird.

Ansonsten ging es jetzt wieder mit Sack und Pack fröhlich auf und ab (“Schlagen sie sich links seitlich durch die Büsche!”), ich habe nochmal auf über 1000 Höhenmetern übernachtet – für mein schönes Gesinge, das mir nicht erspart blieb, bekam ich ein Bier extra. Ich habe mich am nächsten Tag zwischen Springspinnen und Hundertfüßern wieder mal komplett verlaufen (wie alle vor und nach mir auch) – übrigens auch die zwei schwulen Belgier, von denen der eine alle Texte meiner Lagerfeuersong auswendig kannte und ständig fast Wasser in den Augen hatte – ich habe die beiden später nochmal in Antalya getroffen, und da haben wir dann gemeinsam bei einem Efes-Pils über die Strecke geschimpft, was sehr wohltuend war.

Als ich nach neun Stunden endlich in dem schönen Ort Göynük Yalya war, stellte ich fest, dass es diesen Ort überhaupt gar nicht gibt, was mir alle Befragten später dann auch bestätigten, so brachte mich nach einem verzweifeltem Anruf eines Bergbauernjugendlichen von dessen Handy (meins geht immer noch nicht) der nette Hoteljeep zurück an den Ausgangspunkt, wo es immerhin ein Bett gab.

Eigentlich ist es sehr schön (und auch absolut poetisch), morgens aufzustehen, kurzer Nescafé, dann seine Sachen packen und loszuziehen – inzwischen hat jede meiner Habseligkeiten in meinem Rucksack seinen festen Platz, und obwohl ich mich im Alltag gewöhnlich gegen jede Art von Regeln sträube, halte ich mich erstaunlicherweise peinlich genau daran. Irgendwie ist so ein Rucksack ja tatsächlich wie eine Art Wohnung, jedes Fach repräsentiert ein anderes Zimmer, ein Fach ist das Badezimmer mit Erste-Hilfe-Paket und Waschbeutel, dann gibt es das Schlafzimmer mit Schlafsack und Unterwäsche, der Hausflur ganz oben mit Zigaretten, Geld, Pass und Reiseführer und seitlich rechts und links in den Taschen mit den Getränken ist die Getränkeküche.

Also noch ein paar Morgensongs singen, dann mit Rucksack den Ort verlassen und wissen, dass man am nächsten Abend woanders sein wird. Ich könnte mich daran gewöhnen, Traveller zu sein – in meinem früheren Leben war ich sicher mal fahrender Musikant, von einem Ort zum anderen, ein paar Songs auf meiner Mandoline, etwas zu Essen dafür und eine Bett im Stroh – Geschichten von Ort zu Ort bringen und erzählen – ein bisschen vor sich hin träumen unter einem Zitronenbaum und hin und wieder ein hübsches Mädchen …
Ein schöner Lebensentwurf …

Übrigens ist der Rucksack gar nicht mehr schwer nach viereinhalb Wochen. Ich habe wie erwähnt zwar auch noch die letzten Hygieneartikel und sogar meine alten Asics-Turnschuhe weggeworfen, aber es bleibt trotzdem inklusive Gitarre bei 10 Kilo plus 3 Liter Wasser. Aber mit seinem exorbitant bequemen Tragesystem gibt mir der Rucksack sogar irgendwie Sicherheit, so von hinten gehalten zu werden, als würde er mich tragen und nicht ich ihn – außerdem übrigens, wenn man ihn täglich acht bis zehn Stunden trägt und sich abends vor kompletter Erschöpfung kaum mehr bewegt, ist das Rucksacktragen sozusagen zum natürlichen Zustand geworden, ohne ihn fühlt man sich plötzlich irgendwie nackt.

Morgens also per Jeep wieder zurück an den Endpunkt des Vortages, und glücklicherweise fand der Jeep den Mini-Pfad (laut Wanderführer steht dort auf einem Fels mit roter Farbe hin gepinselt: „Hier Mezarlikdibi“ – was auch immer das heißen mag), und ich war sicher, hier ist nichts und ich muss zurückfahren, als ich tatsächlich neben mir auf einem Felsen völlig unerwarteterweise genau diese Inschrift entdeckte. Ein paar Meter daneben noch eine rot-weiße Markierung des lykischen Wegs, und ich bin meinem Fahrer um den Hals gefallen, der nichts verstand und völlig irritiert beim Jeep-Wenden noch fast selbst noch in die unvorstellbar abschüssige Schlucht gefallen wäre.

Erst mal glücklich über die unverhoffte Wegfindung zwei Kilometer den jetzt unbefahrbaren, ziemlich verschlissenen und vom Winterwasser ausgespülten Ziehweg entlang gewandert, aber dann musste ich doch noch quasi senkrecht abwärts in genau diese oben erwähnte Schlucht klettern, und ich habe mit meinen Füßen und Knien geredet, sie noch ein bisschen eingesalbt und ihnen gesagt, Leute, wir müssen da jetzt gemeinsam durch, also bitte!, verhaltet euch anständig und tut nur dann weh, wenn‘s gar nicht mehr geht!
Meine Füße und Knie haben das wohl mehr oder weniger verstanden und sich in ihren Beschwerden zurückgehalten, und so sind wir schließlich in den Flusscanon geklettert (in dem man je nach Wasserstand nasse Füße bekommt, hieß es im Wanderführer, was weit untertrieben war). Ich kam mir vor wie Winnetou, der mit seiner Silberbüchse in den Rocky Mountains auf Bärensuche ist und bin in dieser unglaublichen unberührten Schlucht (in der, wenn jetzt Hochwasser kommt, nicht einmal ein Atom von mir übrigbleiben würde – immerhin hat das Wasser ja auch diesen Felsenberg sozusagen mit einem Laserschwert in den letzten Millionen Jahren hunderte Meter tief durchgeschnitten), also in dieser unglaublichen Schlucht fast eine Stunde lang wie ein Pfadfinder ständig auf der Suche nach Querungsmöglichkeiten über völlig skurril aussehende Riesenfelsen endlich glücklich am Ausstieg angekommen (hier unten in der Schlucht gibt es übrigens weder Schildkröten noch Zitronenbäume, die wissen schon warum!!!).

Aber dann wieder aufwärts und im plötzlich tiefsten Nebel über einen 800ter „Hügel“, auf dem man ständig den Eindruck hat, man läuft im Kreis, weil weder Sonne noch andere Berggipfel auch nur einen Ansatz von Orientierung geben können – und kurz vor Dunkelheit schließlich alle Höhenmeter wieder runter.
Vorbei an einer schönen Hängebrücke in der Abendsonne (die nur da war, um schön zu sein und nicht um von mir benutzt zu werden – ich musste durch den Fluss waten) kam ich schließlich in den lang ersehnten Zielort, wo mir ein Orangensaftpresser und dann -verkäufer auf meine Frage nach einer Pension das unmöglich abzulehnende Angebot machte, für einen günstigen Preis in seiner Waschküche zu übernachten – dabei auch gleich meine Wäsche zu waschen war Bestandteil des Angebots, was eine meiner Meinung nach bestechende Logik hatte. Normalerweise gibt es Zimmer mit Frühstück, vielleicht auch mit Abendessen, warum dann nicht ein Bett in der Waschküche mit Wäschewaschen. Frühstück und besonders Abendessen im Hostel ist mir eigentlich immer gar nicht so recht, da bin ich eigen, ich gehe abends lieber in eine kleine Bar oder einen Imbiss, ich kann mir Zeit und Ort aussuchen, und diesen Luxus an Freiheit genieße ich hier auf der Reise immer mehr.

Das Angebot mit dem Wäschewaschen habe ich schließlich dann doch abgelehnt, ich hatte nur noch eine Hose und die wollte ich am Abend zum Essen anhaben (und in drei Tagen flieg ich sowieso heim) – geschlafen habe ich in der Waschküche übrigens super.

Es war, nebenbei bemerkt, einer meiner schönsten Wandertage, den ich auf meinem Weg erlebt habe.

Es handelt sich bei dem obigen Text um einen Ausschnitt aus meinem Buch:
Frieder Wolff: Die Maus, die im Türstock krabbelt – 500 Kilometer zu Fuß durch die Türkei
140 Seiten / Paperback





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